Recomposed

26.09.2019, 19:30 Uhr – St. Jürgen, Grube/Ostsee (Bei der Kirche 6, 23749 Grube)

27.09.2019, 19:00 Uhr – Osterkiche, Kiel (Eduard-Adler-Str. 23, 24106 Kiel)

28.09.2019, 20:00 Uhr – Ev. Kirche Altenkirchen (Rügen), (An der Kirche 1, 18556 Altenkirchen)

29.09.2019, 17:00 Uhr – St. Georg, Lübeck (Niederbüssauer Weg 3, 23560 Lübeck)

06.10.2019, 19:00 Uhr – Aux Fins Gourmets, Bodenheim (Neckarstr. 3, 55294 Bodenheim)

19.10.2019, 19:30 Uhr – Stadtkirche Darmstadt (An der Stadtkirche 1, 64283 Darmstadt)

20.10.2019, 18:00 Uhr – kath. Pfarrzentrum Mainz-Laubenheim (Möhnstr. 18, 55130 Mainz)

Einzigartigen und besonderen Reproduktionen und Bearbeitungen widmet sich das Kammermusikensemble Laubenheim (KAMEL) in seinem Programm Recomposed. Eingeleitet von Samuel Barbers (1910-1981) weltberühmten und ergreifenden Adagio for Strings aus dem Jahre 1938, eine Rekomposition eines Satzes seines eigenen Streichquartetts op. 11 für großes Streichorchester, steht im Zentrum des Programm ein außergewöhnliches musikalisches Experiment: Vivaldi – The Four Seasons Recomposed von Max Richter (*1966). 2012 veröffentlichte der aus Deutschland stammende, in England aufgewachsene, britische Komponist diese besondere Mischung aus der barocken Vorlage der berühmten Vier Jahreszeiten mit seiner eigenen einzigarten Kompositionstechnik aus klassischer Kammermusik und Elementen der elektronischen Musik. So entstand ein gänzlich neues Klangerlebnis, der Vivaldi fürs 21. Jahrhundert und ein idealer Begleiter durch das Jahr. Den ausgiebigen Solopart übernimmt die junge Violinistin und KAMELerin Hannah Teufel. Der Schlusspunkt gehört dem „Missionar des Tangos“: Astor Piazzolla (1921-1992). Der berühmteste argentinische Komponist hat sich das Konzertmotto „Recomposed“ zum Lebensmotto gemacht, denn sein Tango Nuevo ist die Verbindung von traditionellem argentinischem Tango mit der klassischen Instrumentalmusik Europas und des Jazz. Zahllose Arrangements und Rekompositionen schuf Piazzolla im Laufe seines Lebens. Fuga y Misterio aus dem Jahr 1968 gehört zu einem seiner bekanntesten Werke, die barocke Fuge verschmilzt mühelos mit dem energiegeladenen Tango des 20. Jahrhunderts. Die eigens für das KAMEL entstandene Rekomposition dieses Werkes nahm der KAMELer Johannes Christ vor.

Zur Solistin
Hannah Teufel mit Violine
Hannah Teufel (Violine)

Mit vier Jahren trat Hannah Teufel (Violine), geboren 2001, zum ersten Mal im Rahmen der musikalischen Früherziehung mit der Musik in Kontakt. Seit ihrem fünften Lebensjahr erhielt sie Geigenunterricht bei Eva Terbuyken, anschließend bei Cathrin Krippendorf am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz (2015-2017). Seit 2017 wird sie von Elena Martínez-Eisenberg (Musikhochschule Mannheim, Strings Factory) unterrichtet.

Zudem wurde sie von Frau Prof. Maria Egelhof (Musikhochschule Lübeck), Herrn Prof. Ulrich Edelmann (Musikhochschule Frankfurt) und Frau Prof. Ida Bieler (Kunstuniversität Graz, Musikhochschule Düsseldorf, University of North Carolina) unterrichtet und nahm an einigen Meisterkursen bei Frau Prof. Maria Egelhof teil.

Neben der Mitgliedschaft im Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz ist Hannah Teufel nach bestandenem Probespiel (2017) Mitglied der Deutschen Streicherphilharmonie, mit der sie u.a. eine CD im Deutschlandfunk in Köln produzierte und in großen Konzerthäusern in Deutschland konzertierte. 2018 bestand sie das Probespiel für das Bundesjugendorchester.

Tourneen führten sie seit 2016 durch Europa.

Anfang des Jahres 2018 erhielt Hannah im Rahmen des Mendelssohn-Wettbewerbs einen ersten Preis.

Zum Programm

Samuel Barber (1910-1981) gilt als einer der talentiertesten US-amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Als ein Vertreter der neo-romantischen Periode der Musik, vermied der jeglichen Experimentalismus; sein Kompositionsstil ist geprägt von Melodien, traditionellen Harmonien und Formen. Sein alles überstrahlendes Werk ist das weltberühmte Adagio for Strings aus dem Jahre 1938. Es ist ein Arrangement für großes Streichorchester des zweiten Satzes seines zwei Jahre vorher entstandenen Streichquartetts op. 11. Die Uraufführung fand am 5. November 1938 unter Arturo Toscanini in New York statt. 1967 schuf Barber eine Fassung für achtstimmigen Chor über den Text des Agnus Dei. Dieses Adagio bestimmte sein kompositorisches Leben, sehr zum Unmut Barbers, da sein sonstiges Schaffen immer in diesem Schatten stand. Das Adagio wurde bei den Beerdigungen von US-Präsident Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy gespielt, ebenso bei Grace Kelly, Rainier III. von Monaco oder Albert Einstein u.v.m. Es ist das zentrale Werk im Gedenken an die Schrecken des 11. September 2001 und ist aufgrund seiner tragischen Bedeutung und seiner unverwechselbaren Emotionalität unzählige Male in Filmmusiken verwendet worden. 2004 wählen Hörer des BBC das Adagio for Strings zum traurigsten klassischen Stück.

 

Max Richter, 1966 im niedersächsischen Hameln geboren, wuchs in England auf und lebt und wirkt heute in Berlin. Er studierte klassische Komposition und Klavier an der University of Edinburgh und an der Royal Academy of Music in London, daher gilt er als britischer Komponist. Später folgte ein Aufbaustudium am Tempo Reale in Florenz beim zeitgenössischen Komponisten Luciano Berio. Richters Kompositionsstil zeichnet sich vor allem durch die Verbindung von Ambient-Samples – sphärische, sanfte, langgezogene Klänge in der elektronischen Musik – mit kammermusikalischer Instrumentierung aus, für ihn ist Musik „Zusammenspiel aus Farben, Klängen und Gefühlen“. Einen Großteil seiner Kompositionen nimmt die Filmmusik ein, für die er bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, so etwa mit dem Europäischen Filmpreis 2008 für die „Beste Filmmusik“, dem Preis der deutschen Filmkritik 2010, dem Bayrischen Filmpreis 2012 und 2013 mit dem ECHO Klassik in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen“.

Vivaldi – The Four Seasons Recomposed ist eine 2012 entstandene Bearbeitung der berühmten Vier Jahreszeiten des barocken Komponisten Antonio Vivaldi, wobei das Wort „Bearbeitung“ dem Werk nicht ganz gerecht wird. Die Idee zu diesem Projekt stammte 2005 vom Managing Director der Plattenfirma Richters Universal Classic and Jazz. Verschiedene Künstler sollten altes Material des Klassik-Archivs bearbeiten, remixen, neu samplen, etc. Richter entschied sich für das alte Meisterwerk Vivaldis, doch kam schnell zu der Überzeugung, nicht remixen zu wollen, er wolle „das Konzert umschreiben und neu einspielen“, da die Vier Jahreszeiten durch die häufige Verwendung in der Populärkultur ihren „Zauber verloren“ hätten. Die Einspielung dieser „total neuen Version“ übernahm der weltweit gefeierte Geiger Daniel Hope zusammen mit dem Konzerthausorchester Berlin unter Leitung von André de Ridder. Die internationale Fachpresse reagierte überwiegend positiv auf diese neue Art der Auseinandersetzung mit der barocken Vorlage. „Richter nimmt die Original-Partitur als losen Rahmen für seine Kompositionstechnik. Teilweise weicht er dramatisch davon ab, teilweise sind es nur leichte Veränderungen und Verschiebungen. Es gibt hier keine elektronischen Verfremdungen. Repetitive Pattern, die an elektronische Musik erinnern, stehen in der Partitur und werden vom Orchester gespielt.“ So beschreibt Albert Koch im Musikexpress das Werk, sein Kollege Hellmuth Vensky von der Zeit bringt es auf den Punkt: „Zwar bleibt zum Teil kaum ein Ton auf dem anderen, doch Vivaldis Vögel zwitschern noch, die Hitze flirrt noch, der Donner grollt noch. Der Vivaldi fürs 21. Jahrhundert ist ein idealer Begleiter durch das Jahr.“

 

Astor Piazzolla (1921-1992) gilt als der „Missionar des Tangos“. Doch bevor 1961 sich endgültig der Tango Nuevo aus seiner Musik entwickelte, war der argentinische Musiker italienischer Auswanderer bereits ein gefeierter Kammermusiker und Komponist, vor allem für Filmmusik. Nachdem die Familie Piazzolla 1925 von Argentinien nach New York übersiedelte, war alles, was den einzigen Sohn der Familie mit dem „argentinischen Volkstanz“ verband die Tangobegeisterung des Vaters und dessen Freundschaft zur Tangolegende Carlos Gardel. Nur seinem Vater zuliebe erlernte er das Bandoneon. Der junge Astor Piazzolla hingegen fand seine Begeisterung in der New Yorker Jazzszene und in der Musik des Johann Sebastian Bachs. 1937 kehrte er nach Buenes Aires zurück und perfektionierte sein Bandoneonspiel. Er studierte am Konservatorium der Stadt bei Alberto Ginastera und galt schon bei seinem dortigen Abschluss als musikalischer Hoffnungsträger der Nation. Der sich anschließende Erfolg als Komponist für Filmmusik und Theater verschaffte ihm 1954 ein Stipendium zum Studium bei Nadia Boulanger in Paris. Von Tango-Kompositionen hatte sich Piazzolla zu diesem Zeitpunkt weit distanziert, denn obwohl der Tango in Europa immer mehr zur Mode wurde, galt er in Argentinien als schmutzige Musik der Unterschicht, die in Bordellen und Absteigen gespielt wurden. Erst Boulanger ermutigte Piazzolla sich seiner „wahren Bestimmung“, dem Tango zu widmen. Nach seiner Rückkehr aus Paris gründete Piazzolla sein berühmtes Octeto Buenos Aires, bestehend aus 2 Bandoneons, 2 Violinen, Cello, Kontrabass, elektrischer Gitarre und Klavier, und schrieb unzählige Werke in atemberaubender Produktivität. Er verband den traditionellen argentinischen Tango mit Formen und Traditionen der europäischen klassischen Musik. Der Tango war nicht mehr im traditionellen Sinne tanzbar, sondern wurde zur Kunstmusik. Der Tango Nuevo war geboren, eine radikale Wandlung des argentinischen Tangos durch eine aktuelle Klanglichkeit mit kammermusikalischem Flair.

 

Fuga y Misterio (Fuge und Mysterium) ist eine seiner bekanntesten Tango-Melodien. Ursprünglich war das Werk der fünfte Teil der Tango-Oper Marià deBuenos Aires aus dem Jahre 1968 und ist dabei ein Paradebeispiel für die Verbindung von traditionellem Tango mit seinen akzentuierten Synkopen und barocker Kompositionstechnik, der Fuge, wie man es bei Piazzolla allzu häufig findet. Das erste Thema in e-moll ist geladen von rhythmischer Kraft und eruptiver Gewalt, ein typischer Piazzolla. Dieses wird nach Art einer Fuge durch die Stimmen geführt. Scharf akzentuierte Synkopen, gewürzt mit Fortissimo-Akzenten und Glissandi machen das zweite Thema aus. Weniger Herzklopfen bereitet erst das dritte Thema „Misterio“, ein ruhiger, lyrischer Gesang in langsamem Tempo über leichter, tragender Begleitung. Danach kehren erstes und zweites Thema wieder und enden fast orgiastisch in einem unbändigen Accellerando. Die hier erklingende Rekomposition für Streichorchester entstand eigens für das Kammermusikensemble Laubenheim (KAMEL) durch den KAMELer Johannes Christ.